Wer hätte gedacht, dass ein Publikum bei einer Poetikvorlesung so oft in Gelächter ausbricht. Am 1. Dezember 2025 hielt Tijan Sila seine Poetikvorlesung im Literaturhaus Hannover und vereinte dabei Humor und pointierten Ernst.
Bereits zu Beginn kündigt er an, so frei wie möglich sprechen zu wollen, damit das Publikum nicht einschlafe und setzt damit den Ton seines gesamten Vortrags – der zunächst überhaupt nicht wie eine typische Poetikvorlesung erscheint und doch genau das ist. Sila reflektiert sich, sein Schreiben und die Grenzen der Literatur nur eben auf seine eigene Art und Weise. Zunächst entlarvt er die Versuchung zur Pose, die eine Poetikvorlesung naturgemäß mit sich bringe. Er bezeichnet sich als keinen allzu akademischen Autor und verfällt dabei doch vielleicht selbst wieder in eine Pose. Ebenso verweigert er sich der Glorifizierung des Schreibprozesses mit Schreibmaschine oder Bleistift. Die „Syntax-Tetris“, wie er es nennt, sei nur der Akt des Aufschreibens und die Seiten fertig, bevor er sich an den Schreibtisch setze. Das eigentliche Schreiben geschehe dauerhaft im Kopf.
Er erklärt, „Realität ist etwas, das erzählt gehört.“ Nicht das bloße Wahrnehmen, sondern der Drang, alles Literatur werden zu lassen, markiere sein Verständnis der Welt. Der Motor hinter seiner Poetik ist zum einen die Lust und Freude am Schreiben selbst, zum anderen aber der Wunsch, in Kontakt mit Leser*innen zu treten. Er charakterisiert die Literatur als ein intimes Gespräch mit dem Gegenüber. Literatur sei eben keine reine Sprachkunst. Vielmehr ziele sie auf die Schaffung einer Miniatur unserer Realität. Der Anspruch, dem die Literatur dabei folgen müsse, sei ein allgemein menschlicher. Im Schreiben gehe es ihm immer um den Versuch, mit und für alle Menschen zu sprechen. „Ich schreibe über mich, weil ich glaube, dass ich repräsentativ bin, nicht weil ich besonders bin.“ Als Überlebender des Kriegs könne er für Millionen sprechen und fokussiere in seinen Texten daher nicht ausschließlich den Bosnien-Krieg, sondern Krieg als Phänomen allgemein. Man müsse beim Spezifischen ansetzen, um daraus einen universellen Anspruch zu entwickeln. Silas Schreiben ist somit immer auch ein Erzählen für unsere Gesellschaft.
Verletzlichkeit ist ein wesentliches Erzählprinzip seiner Poetik. Seine Erlebnisse im Krieg beschreibt er als offene Wunde, die zunächst durch taubes Narbengewebe bedeckt wurde und ein emotionales Schreiben verhinderte. Erst die zeitliche Distanz zum Krieg und die Bereitschaft, sich an diese verdrängten Gefühle zu wagen, ermöglichten es ihm, die Gefühlswelten seiner Figuren auszugestalten und den Krieg als Protagonisten auftreten zu lassen.
Silas Schreiben ist ein autobiographisches. Die Verantwortung einer solchen Literatur, die eng an die Realität gebunden ist, und deren Stoff daher nicht frei als Spielball verfügbar ist, denkt er konsequent mit. Immer wieder geht es auch um die Frage, wer eigentlich was erzählen darf. Er reflektiert den Reiz aber auch die Wagnis einer Entblößung durch autobiographische Literatur, die leicht in Anmaßung verfallen kann. Die Grenzen des autobiographischen Schreibens definiert Sila als eine Grauzone, da es keine festen Regeln gebe, ab wann Literatur verletze. Eine eindeutige Tabuzone seiner Poetik sei jedoch das Schreiben über seine Frau und Kinder.
Sila ist überzeugt, dass das Beharren auf Authentizität zutiefst kunstfeindlich ist. Der Fokus auf den Aspekt der ‚Betroffenheit‘ enge die Literatur nur ein. Der Blick auf Autor*innen als Betroffene ergebe einen Anspruch an diese, über spezifische Themen schreiben zu müssen und sie so in bestimmte Sujets zurückzudrängen. „Authentizität ist überbewertet, Talent unterbewertet“, formuliert er. Übersetzt hieße dies: Jeder darf alles schreiben, sofern er oder sie das nötige schriftstellerische Talent aufweist. Darüber lässt sich mit Blick auf die Ethik des Erzählens sicherlich streiten. Laut Sila soll der Fokus der Literatur darauf liegen, das Leben des Einzelnen in eine übergeordnete Grammatik des Lebens zu übertragen – das zu finden, was uns alle verbindet und Gefühle zu vermitteln. Autobiographisches Schreiben ist mehr als das bloße Niederschreiben eines strikten Protokolls. Es ist die Suche nach „persönlicher Wahrheit“ – ein durch und durch literarisiertes Erzählen also. Davon ausgehend kritisiert Sila das Label der Autofiktion, das für ihn schlicht nicht funktioniert. Strategien des autobiographischen Schreibens wie Auslassungen, Zeitsprünge und damit die Konstruktion einer Dramaturgie seien immer schon erzählerische und fiktionalisierende Vorgänge.
„Ich bin ein deutscher Autor“, betont Sila. Er wehrt sich gegen Kategorisierungen und lässt sich nicht durch Klischees und Rollenzuschreibungen einengen. Somit kämpft er – trotz seines starken Fokus auf das Autobiographische – dennoch gegen eine Marktpolitik, die ihn auf seine Biographie, seine Erlebnisse im Krieg und auf kulturelle Fremdheit reduzieren will. Das künstlerisch Interessante an seinem neuen Buch, so betont er, seien nicht die Gewalterfahrungen, die der Krieg und die Ankunft in Deutschland mit sich brachten, sondern die Genesung – der Prozess, sich selbst neu zu finden: Erzählen, das ist am Ende des Abends klar, ist für Tijan Sila also ist kein Beschreiben, sondern ganz entschieden ein Freischreiben.
Carina Neumann