Neue Schreibweisen in einer diversen und post­migrantischen Gesellschaft

Das Deutsche Seminar der Leibniz Universität und das Literaturhaus Hannover haben zum Wintersemester 2022/23 die gemeinsame
Poetikdozentur NEUE DEUTSCHE LITERATUR eingerichtet. Gefördert wird das Kooperationsprojekt von der VGH Stiftung.

Die neu geschaffene Dozentur widmet sich neuen Schreibweisen unserer postmigrantischen und diversen Gesellschaft: NEUE DEUTSCHE LITERATUR fragt nach gegenwärtigen Schreibweisen, die eine Gesellschaft der Vielen als solche anerkennen, abbilden und adressieren. Die Poetikdozent*innen werden anhand dieses Anspruchs an ihr Werk ausgewählt – unabhängig von ihrer jeweiligen Identität und Herkunftsgeschichte.

Die Poetikdozentur wird jährlich von einer Jury zuerkannt, die aus Mitarbeiter*innen des Literaturhauses Hannover, des Deutschen Seminars der Leibniz Universität und der VGH Stiftung besteht. Verstärkt wird das Gremium durch mindestens ein externes Mitglied.

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Aktuelle Poetikdozent*in

Sasha Marianna Salzmann

Die Hannoversche Poetikdozent*in NEUE DEUTSCHE LITERATUR 2026/2027 ist Sasha Marianna Salzmann. Salzmann wurde 1985 in Wolgograd geboren und emigrierte 1995 zusammen mit der Familie als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. Ab 2005 studierte Salzmann Literatur, Theater und Medien an der Universität Hildesheim und ab 2008 Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. 2008 erschien der erste Roman Außer sich, 2021 folgte Im Menschen muss alles herrlich sein. Sasha Marianna Salzmann ist Dramatiker*in, Romanautor*in und Essayist*in und war Mitbegründer*in und bis 2013 Mitherausgeber*in des Kultur- und Gesellschaftsmagazins freitext. Das literarische Werk Sasha Marianna Salzmanns ist vielfach ausgezeichnet, u. a. erhielt 2024 Salzmann den renommierten Kleist-Preis, mit dem das literarische Gesamtwerk ausgezeichnet wird. Salzmann thematisiert in dem Schreiben die Frage nach Identität und die Suche nach Zugehörigkeit im Spannungsfeld von Migration, Familie und Sprache.

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Aktuelles aus der Dozentur

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  • 12. April 2026

    MODERATORIN: LAURA BECK Montag, 1.06.2026 / 19:00                                    ...

  • 27. März 2026

    „Eine Skizze ist eine Skizze“ Der erste Morgen der Veranstaltung beginnt überraschend unaufgeregt. Tijan Sila betritt den Seminarraum mit Händen in den Taschen ...

  • 9. Februar 2026

    Im Interview spricht Alexander Solloch (NDR Kultur) mit Tijan Sila über die inhaltlichen Schwerpunkte seiner Poetikdozentur und gibt Einblicke in Themen und Perspektiven, die ...

Schreibweisen.

Stimmen aus der Literatur der Vielen.

»Je öfter sie mich nach zu Hause fragen und damit andere Länder meinen, nicht Deutschland, desto gewählter lasse ich meine Sätze klingen. Es dauert Jahre, bis ich in kurzen Sätzen denken kann, die kein an die richtige Stelle gesetztes Verb brauchen: Ihr Rassisten.«

Lena Gorelik, Wer wir sind (2021)

»niemand wird wissen, von welchen rändern wir aus sprechen und dass wir darüber sprechen können, ändert nichts daran.«

Senthuran Varatharajah, Vor der Zunahme der Zeichen (2016)

»Appropriation heißt es, beruhigt sier sich weiter, wenn man nicht mit auf dem Spiel steht. Aber wer schätzt das schon bei sich selbst richtig ein?«

Ann Cotten, Die Anleitungen der Vorfahren (2023)

»Ich habe mehr Privilegien, als je eine Person in meiner Familie hatte. Und trotzdem bin ich am Arsch. Ich werde von mehr Leuten gehasst, als meine Großmutter es sich vorstellen kann. Am Tag der Bundestagswahl versuche ich ihr mit dieser Behauptung 20 Minuten lang auszureden, eine rechte Partei zu wählen.«

Olivia Wenzel, 1000 Serpentinen Angst (2020)

»Es ist die Perspektive des und und und. Des: dazu.
Nicht ein- oder aus-. Nicht wir und ihr. Nicht entweder
oder.
Vielleicht ist das die neue Perspektive, die gelten
sollte: Lesen aus mindestens zwei Richtungen.«

Ivna Žic, WAHRSCHEINLICHE HERKÜNFTE (2023)

»Wie in einem Märchen, durch die Übersetzung hob ich den Bann auf, der
auf dem Wort lag, und befreite mich aus der Geiselhaft. Wir waren nun
beide frei, das Wort und ich.«

Nava Ebrahimi, Sechzehn Wörter (2017)

»Ich schaffte es lange nicht, die Scham und die Sprachbarriere zu überwinden und mich jemandem mitzuteilen, weshalb mir lange Zeit nur Literatur als Beweis blieb, dass ich mit dem, was mir widerfahren war, nicht vollkommen alleine auf der Welt war.«

Tijan Sila, Vom Feuer ausgeglüht

»Seht nur, wie sie marschieren, die Wütenden und Besorgten, die gut Situierten und Zukurzgekommenen, die sich im Besitz der besseren Wahrheit meinen, einem Wir geschuldet, das nicht alle umschließt.«

Anna Baar, Divân mit Schonbezug (2022)

»Ich bin nicht: die Ausgeburt der integrierten Gesellschaft. Ich bin nicht: das Mädchen, das ihr euch angucken könnt, um mitleidig zu erklären, ihr hättet euch mit den Migranten beschäftigt und es sei ja alles so dramatisch, aber auch bewundernswert. Ich bin nicht: das Mädchen aus dem Getto.«

Shida Bazyar, Drei Kameradinnen (2021)