„Eine Skizze ist eine Skizze“

Der erste Morgen der Veranstaltung beginnt überraschend unaufgeregt. Tijan Sila betritt den Seminarraum mit Händen in den Taschen und einer dunklen Bomberjacke über dem zitronengelben Pullover. Er begrüßt die Teilnehmenden und erklärt kurz sein Vorhaben. Bevor wir beginnen, möchte er sicherstellen, dass jede*r sich damit wohlfühlt, den im voraus vorbereiteten autobiographischen Text in der Gruppe vorzustellen. Dafür erwartet er uns, eine*r nach dem anderen im Büroraum nebenan.

Nachdem der Erste aus dem Büro zurückgekehrt ist, wird deutlich, dass es sich tatsächlich nur um diese eine Frage handelt. „Möchtest du deinen Text vor den Anderen laut vorlesen?“ Die Mehrheit der Gruppe antwortet im Vieraugengespräch mit Tijan Sila mit „Ja.“.

Die Aufgabe, die uns von Vorbereitung auf diese Blockveranstaltung gestellt wurde, ist ebenso offen wie herausfordernd. Jede*r Teilnehmer*in soll eine autobiographische Skizze von einer Seite schreiben und an den Autor schicken. Einfacher gesagt als getan. Doch am Samstagmorgen um 10 Uhr sitzen alle Teilnehmenden der Poetikveranstaltung mit ihren Skizzen ausgestattet im Seminarraum des Deutschen Seminars.

Bevor jedoch wir dazu aufgefordert werden, unsere eigenen Skizzen vorzulesen, liest Tijan Sila selbst. Zuerst eine Skizze, die er geschrieben hat und im Anschluss die vorläufig fertige Fassung eines Kapitels seines neuen Romans. Er betont, es sei wichtig zu lernen, an Fassungen zuarbeiten und dabei mit der eigenen Scham umzugehen. Eine Skizze sei eine Skizze, die überarbeitet werden muss. Nachdem wir gebannt dem ersten Ausschnitt seines unveröffentlichten Romans gelauscht haben, sind wir an der Reihe.

Er wartet geduldig, bis sich der erste Teilnehmer bereit erklärt seine autobiographische Skizze vorzulesen. An der Art und Weise, wie Tijan Sila vor der Gruppe steht, erkennt man den Lehrer. Niemand wird einfach aufgerufen. Nach und nach lesen alle Teilnehmenden ihre Texte vor. Wir kommentieren gegenseitig und Tijan Sila gibt Feedback zu den einzelnen Skizzen. Die Rückmeldungen beziehen sich auf die Form der Skizzen, niemals auf die persönlichen Geschichten. Aber auch dazu stellt er Fragen, ganz offen und respektvoll. Es zeigt sich schnell, dass Tijan Sila ein Geschichtenerzähler ist. Jedes Feedback mündet in einer eigenen Anekdote, die irgendwie das zuvor Erzählte aufgreift. In seiner Poetikvorlesung im Dezember vergangenen Jahres erzählte er bereits, dass sein Schreibprozess immer stattfinde und niemals ende. Er schreibe immer, das Aufschreiben sei etwas Anderes. Tijan Sila demonstriert uns durch sein anekdotisches Erzählen sein nie endendes Schreiben. Der erste Tag der Veranstaltung wird beinahe vollständig von diesem Ablauf gefüllt. Es werden Skizzen vorgelesen und kommentiert, von Tijan Sila und den Teilnehmenden. Der Autor betont ein weiteres Mal, wie wichtig die Arbeit in Fassungen sei. Die erste Skizze sei eine Rohmasse, die Endfassung sei ebenfalls nur ein Text mit dem man einigermaßen leben könne.

Kurz bevor das Seminar für den Tag enden soll, bekommen wir eine zweite Aufgabe gestellt: ein Streitgespräch schreiben.

Der zweite Tag beginnt ganz ähnlich dem Ersten. Tijan Sila, den wir duzen dürfen, betritt den Seminarraum, nimmt den Platz des Lehrers ein und fragt nach unseren geschriebenen Streitgesprächen. Die erste Teilnehmende, die ihr Streitgespräch vorstellt, betont, wie schwer es ihr gefallen sei. Tijan Sila erklärt, dass man nicht gut in Etwas sein müsse, um gut davon erzählen zu können. Wie bereits am Vortag werden einer nach dem Anderen unsere Texte vorgelesen und kommentiert. Die „Dynamik aus Unterbrechungen“, wie Sila es beschreibt, ist das, was geschriebene Gespräche authentisch macht. Grammatikalisch überkorrekte Texte entsprächen nicht der gesprochenen Realität, die wir in Streitgesprächen wiedergeben wollen. Tijan Sila lässt uns – üblicherweise wissenschaftlich arbeitende Studierende – in dieser Veranstaltung, die sich wie eine sehr intensive Schreibwerkstatt gestaltet, das Autorsein selbst ausprobieren. Nachdem alle, die sich bereiterklärt haben, ihre sehr unterschiedlichen Streitgespräche vorgelesen haben, folgt eine weitere, letzte Schreibaufgabe. Jede*r Teilnehmende soll zwei Raumbeschreibungen verfassen. Einerseits eine Beschreibung eines Raumes, der uns bekannt ist und andererseits eine Beschreibung eines fiktiven Raumes, den wir nicht kennen. Tijan Sila stellt heraus, dass gute Romane häufig mit Raumbeschreibungen beginnen würden. Wir machen uns wieder alle daran, unsere Texte zu schreiben, mit dem Gefühl vielleicht schon etwas geübter zu sein. Nach der Mittagspause werden WG-Küchen, Wohnheimzimmer, 90er Jahre Wohnzimmer und der Himmel literarisch beschrieben. Überraschenderweise befindet Tijan Sila die unbekannten Raumbeschreibungen noch besser als die der bekannten Räume. Über die zwei Tage hinweg fällt immer wieder der Satz, der einer Aufforderung des Autors gleichkommt: „Schreib das! Ich würde das lesen.“

Anders als das übliche Studium von uns angehenden Literaturwissenschaftler*innen und Lehrer*innen haben wir zwei Tage intensiv unser eigenes Schreiben erforscht und ausprobiert.

Tijan Sila verabschiedet sich am späten Sonntagnachmittag ähnlich unaufgeregt, wie er bereits einen Tag zuvor gekommen ist und lässt die Teilnehmenden zurück mit dem Gefühl, dass sie das vielleicht auch alle könnten: Romane schreiben. Eins der besten Komplimente des Autors an diesem Wochenende: „Ich habe schon viel schlechtere Texte von Leuten gehört, die beruflich schreiben.“

Elisabeth Gustke