„Wir machen uns beim Lesen verwundbar“
Gemeinsam mit Laura Beck sprach Nava Ebrahimi am 03.06.2025 über ihr Schreiben, den Reiz der Multiperspektivität und die Herausforderungen ihres neuen Romans Und Federn überall, der im September erscheint.
„Ich muss mir mit jedem Roman etwas Neues beweisen“, erklärt sie zu Beginn des Gespräches. Mit ihrem ersten Roman musste sie sich selbst beweisen, dass sie überhaupt einen Roman schreiben kann, mit dem zweiten, dass sie einen Roman ohne Bezug zu ihrer eigenen Biographie schreiben kann und mit dem dritten, dass sie einen Roman ohne Iranbezug schreiben kann. Ihr Schreiben ist somit auch immer ein Versuch, die eigenen Grenzen zu überwinden. Der neue Roman Und Federn überall, an dem sie bereits seit vier Jahren arbeitet, spielt diesmal im Emsland in der Nähe eines Geflügelschlachthofs – eine völlig neuen Kulisse.
Laura Beck hebt die Anzahl der Figuren in Ebrahimis Schreiben hervor: Sie habe die Figuren sukzessiv gesteigert. Der neue Roman verknüpft auf 350 Seiten sechs Perspektiven von sechs unterschiedlichsten Figuren miteinander. „Sechs ist eine gute Zahl“, bemerkt die Autorin lächelnd. Sie habe während des Schreibens gemerkt, dass sie mehr Figuren brauche. Im multiperspektivischen Schreiben liegt für sie dabei der Reiz: Wie weit kann ich gehen? In wen kann ich mich hineinversetzen? Manchmal fühle sich dies anmaßend an. Nava Ebrahimi reflektiert das Verhältnis von Literatur und Realität, und die Frage, was Literatur als Literatur darf, stets mit.
Dass sie kurz darauf zugibt, sie mache sich keine Notizen und arbeite eher intuitiv, überrascht und macht neugierig, hat man doch meistens das Bild von Schriftsteller*innen im Kopf, die jede Idee schleunigst aufschreiben und ständig ein Notizbuch mit sich führen.
Als es um die Frage geht, was Literatur leisten kann, um sich nicht verhärten zu lassen, charakterisiert Nava Ebrahimi den Prozess des Schreibens sowie den des Lesens als intime Praxis. In Anspielung auf Wolf Biermanns Lied Ermutigung und der daraus stammenden Zeile „Du, lass dich nicht verhärten in dieser schweren Zeit“, die bereits titelgebend für ihre Poetikvorlesung Vergleiche mit verhärteten Tieren war, reflektiert sie, dass es beim Lesen eine gewisse Offenheit des Herzens braucht, um sich auf Texte einzulassen. Lesende lassen zu, dass sie berührt werden und geben beim Lesen von Texten – genau wie die Autorin beim Schreiben – etwas von sich selbst in den Text hinein. Das Ziehen von Verbindungen, das den Kern von Nava Ebrahimis Schreiben ausmacht, sieht sie auch in der Praxis des Lesens. Die Bereitschaft der Lesenden, sich einem Roman zu öffnen, bestehe darin, Verbindungen zwischen der eigenen Lebenswelt und den Perspektiven und Figuren des Textes herzustellen. Infolgedessen betont sie, dass Literatur als Medium, anders als andere Medien wie etwa Serien, eine stärkere emotionale Erfahrung ermöglicht. Daraus folge aber auch, dass wir uns beim Lesen verwundbar machen. Schreiben und Lesen sind somit beides Akte, die sich gegen ein Verhärten stellen. Genau in dieser Feststellung erkennt die Autorin auch das politische Potential von Literatur.
Im Rahmen des Werkstattgesprächs gibt Nava Ebrahimi uns Einblicke in ihren Schreibprozess und auch in ihren neuen Roman. Sie liest aus dem noch unveröffentlichten Werk vor und lässt jede ihrer sechs Figuren einmal zu Wort kommen. Die Reaktion des Publikums zeigt unmissverständlich: Der Roman macht Lust auf mehr. Bereits im Blockseminar, das im Januar stattfand, erklärte die Autorin, die Figuren seien erst über ihre Beziehungen untereinander lebendig geworden. Auch die vorgelesenen Stellen deuten diese Verbindungen bereits an und eröffnen einen breiten Erfahrungshorizont, der auf engem Raum in der norddeutschen Provinz angesiedelt ist. Das Zusammenprallen dieser sechs höchst unterschiedlichen Figuren und Perspektiven sorgt dafür, dass wir die Veröffentlichung des Romans im September kaum erwarten können!
Carina Neumann



