Im Werkgespräch am 1. Juni 2026 liest der amtierende Poetikdozent Tijan Sila Auszüge aus Radio Sarajevo (2023) und seinem neuen Roman, der im Frühjahr 2027 erscheinen wird. Gemeinsam mit Laura Beck spricht Sila unter anderem über kindliche Perspektiven in der Literatur angesichts von Gewalt, den Einfluss von Musik auf sein Schreiben und seine Kritik am Begriff der ‚Autofiktion‘. Trotz der ernsten behandelten Themen hat Sila es wie auch schon bei seiner Poetikvorlesung im Dezember 2025 durch seine humorvollen Anekdoten immer wieder geschafft, das Publikum zum Lachen zu bringen.

Zunächst unterhalten sich Beck und Sila über Radio Sarajevo, den zuletzt vom Autor erschienene Roman, und dessen Anspruch, eine Stimme für die ‚vergessene Generation‘ des Bosnienkrieges zu sein, wie es im Nachwort heißt. Dabei betont der Autor, der in Heidelberg studiert hat, die Bedeutung der kindlichen Perspektive für seinen autobiographischen Roman: Im Gegensatz zu vielen anderen Texten, die ebenfalls Krieg oder andere Formen von Gewalt behandeln, hat Sila die kindliche Perspektive bewusst nicht zu einem Stilmittel reduziert. „Ich hasse das“, erklärt er prompt, denn der „verzauberte Blick“ widerspreche vollkommen seiner eigenen Erfahrung im Krieg. Kinder hätten eine sehr klare Wahrnehmung von Gewalt, nur eben eine noch größere Verletzbarkeit, die er in Radio Sarajevo darstellen wollte. Während des Schreibprozesses hat Sila den Gedanken gefasst, dass er sich mit dem Text „vielleicht zum Sprecher einer Generation“ macht. Daraus ist dann das Ziel gewachsen, über den Krieg im Allgemeinen zu schreiben.

Laura Beck hebt die Besonderheit hervor, dass Silas Figuren zwar eindeutig Opfer von Gewalt seien, aber in Konsequenz auch immer an der Grenze zum Täterwerden ständen. Der Autor bestätigt diese Analyse und erklärt, dass er generell ein größeres Interesse an der Perspektive der Opfer hat als an der der Täter*innen. Grundsätzlich zeigt die Gesellschaft zwar oft ein größeres Interesse an den Täter*innen, jedoch ergibt sich daraus nicht zwangsläufig gute Kunst. Diese entsteht für Tijan Sila nämlich besonders durch Intimität, durch die „Auflösung der eigenen Grenzen“; und dies erlebt er häufiger bei literarischen Darstellungen der Opferperspektive. Intimität ist speziell beim autobiographischen Schreiben zentral, denn man benötigt Nähe, um die persönliche Wahrheit darstellen zu können. Auch deshalb hat er die Vergabe des Literaturnobelpreises an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke, dem vorgeworfen wird, die von Serbien verübten Kriegsverbrechen im Bosnienkrieg zu verharmlosen, kritisiert, denn, so Sila,  „Kunst gilt ausschließlich den Nackten“. Über die Drohbriefe, die er daraufhin von Handke-Fans bekommen hat, kann Sila nur lachen.

Darüber hinaus hat die italienische Literatur, hierbei vor allem Giorgio Bassinis Die Gärten der Finzi-Contini und Natalia Ginzburgs Familienlexikon, großen Einfluss auf den Schreibprozess von Radio Sarajevo gehabt, so Sila. Daher hat ihn der Erfolg der italischen Übersetzung besonders gefreut. Bei seinen dortigen Besuchen ist ihm eine andere Rezeption als in Deutschland begegnet, da der Bosnienkrieg für viele Menschen in Italien nicht nur geographisch, sondern auch emotional, näher gewesen ist. Zum Umstand, dass die Übersetzung nun auch in einigen Schulen in Italien behandelt werde, kann man dem Autor wohl besonders gratulieren – schließlich hat er in seiner Poetikvorlesung noch erklärt, dass es ein großes Ziel für ihn sei, in Schulen gelesen zu werden.

Nachdem Sila einen Auszug aus Radio Sarajevo gelesen hat, rückt Laura Beck den Fokus auf seinen neuen Roman, der nun doch nicht mehr „Schade, Schade, Schokolade“ heißen wird. „Der ist super geworden“, erklärt Sila grinsend über den Text, dessen richtigen Titel er noch nicht verrät. Der neue Titel soll sogar noch besser sein, also dürfen wir gespannt sein. Der Roman sei zwar wie der vorherige auch autobiographisch, aber diesmal noch „romanhafter“. Er ist „die Geschichte einer Genesung“ und erzählt von Silas Ankommen in Deutschland nach der Flucht aus Bosnien und dem Umgang mit psychischen Problemen als Folge des Krieges. „Man wächst dann weiter wie ein Baum, der vom Blitz getroffen wurde“, erklärt Sila. Daraus entsteht ein Gefühl der Metamorphose. Für ihn habe der Genesungsprozess insbesondere darin bestanden, die Erfahrungen von Gewalt zu „exorzieren“. Deutschland sei dabei eine völlig andere Erfahrung gewesen als das zerfallene Jugoslawien mit seinem „kriegerischen Todeskult“, in dem Gewalt „irgendwie alles“ gewesen sei und im Zentrum des Lebens gestanden habe.

Auf diese Genesung hat die Musik, insbesondere der Punk, großen Einfluss ausgeübt. So erzählt Sila, er habe in Deutschland zum ersten Mal ein Gefühl von „ich bin angekommen“ gehabt, als er mit seinen neuen Freunden auf einem Konzert der Punk-Band ‚The Dwarves‘ gewesen sei. Für den Autor, der selber Jazz und Punk spielt, sind Literatur und Musik zwei Pole, die sich gut ergänzen, und daher sein „großes Glück“. Für ihn handle es sich bei der Literatur um etwas sehr Konkretes, während Musik weitestgehend abstrakt bleibe. Deshalb findet Sila es teilweise schwierig, aber dennoch hilfreich, in seiner Literatur über Musik zu schreiben.

Auch die Sprache und besonders der Spracherwerb wird ein zentrales Thema im neuen Roman sein. Für Sila ist der Kampf um die Sprache auch immer ein Kampf um die eigene Würde. Dabei hat Sprache auch immer eine gewisse Dualität inne, denn sie könne als inneres, aber auch als äußeres Medium fungieren. Obwohl Sila das Spiel mit Sprache große Lust bereitet, wird in seiner Literatur doch auch immer „der Anspruch auf Zugänglichkeit und Lesbarkeit“, wie Laura Beck es formuliert, deutlich. „Ich will totale Klarheit“, heißt es vom Schriftsteller. Er versuche, bei seinem Stil eine Balance zwischen Klarheit und Reduktion auf der einen und Eleganz auf der anderen Seite zu finden. Auch Humor ist ihm wichtig; er fordert von der deutschsprachigen Literaturszene ein Verständnis von Humor als selbstverständlichen Bestandteil in literarischen Texten. Immerhin gehöre Humor nun einmal zur menschlichen Existenz, welche die Kunst, seinem Verständnis nach, versucht, abzubilden.

Schließlich fragt Beck nach Silas Kritik am Begriff der ‚Autofiktion‘ und hat sich damit eine der interessantesten Fragen bis zum Schluss aufgehoben, hatte doch Silas drastische Abwertung dieser Bezeichnung in der Poetikvorlesung bei vielen Anwesenden eine gewisse Irritation hinterlassen. Er begründet sie damit, dass der Begriff ein dichotomes Verhältnis von Wahrheit und Lüge suggeriere, aber „so funktioniert Literatur nicht“. Für gute Literatur sei nicht unbedingt „die biohistorische Wahrheit“ von Bedeutung, sondern vielmehr das Vertrauen in die „persönliche Wahrheit“ eines*r Autor*in. „Literatur ist doch keine Lüge, Literatur ist die Suche nach der Wahrheit.“

Maren Hemsath