Das Deutsche Seminar der Leibniz Universität und das Literaturhaus Hannover haben zum Wintersemester 2022/23 die gemeinsame
Poetikdozentur NEUE DEUTSCHE LITERATUR eingerichtet. Gefördert wird das Kooperationsprojekt von der VGH Stiftung.
Die neu geschaffene Dozentur widmet sich neuen Schreibweisen unserer postmigrantischen und diversen Gesellschaft: NEUE DEUTSCHE LITERATUR fragt nach gegenwärtigen Schreibweisen, die eine Gesellschaft der Vielen als solche anerkennen, abbilden und adressieren. Die Poetikdozent*innen werden anhand dieses Anspruchs an ihr Werk ausgewählt – unabhängig von ihrer jeweiligen Identität und Herkunftsgeschichte.
Die Poetikdozentur wird jährlich von einer Jury zuerkannt, die aus Mitarbeiter*innen des Literaturhauses Hannover, des Deutschen Seminars der Leibniz Universität und der VGH Stiftung besteht. Verstärkt wird das Gremium durch mindestens ein externes Mitglied.
Tijan Sila
Tijan Sila wurde 1981 in Sarajevo geboren und kam 1994 als Geflüchteter nach Deutschland. Er studierte Germanistik und Anglistik in Heidelberg. 2017 erschien sein erster Roman Tierchen Unlimited, 2018 folgte Die Fahne der Wünsche, 2021 Krach und 2023 Radio Sarajevo. Darüber hinaus veröffentlicht er Essays in der ZEIT, der taz, und dem Freitag. Das literarische Werk Tijan Silas ist vielfach ausgezeichnet, u.a. erhielt er 2024 für den Text »Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde« den Ingeborg Bachmann-Preis.
In seinem Schreiben umkreist Sila die Folgen von Krieg, Gewalt und Flucht und die Weisen, wie sie Biographien und Identitäten prägen, fragmentieren und in Frage stellen.
News. Blog. Material.
Aktuelles aus der Dozentur

10. Februar 2025
Du, lass dich nicht verhärten In dieser harten Zeit Die allzu hart sind, brechen Die allzu spitz sind, stechen Und brechen ab sogleich Wolf ...

25. Januar 2025
Florian Birnmeyer hat im Rezensionsportal literaturkritik.de den neu erschienen Band mit der Poetikvorlesung von Lena Gorelik (Poetikdozentin 2022/23) rezensiert.

19. November 2024
Die Poetikdozentin für das Wintersemester 2024/25, Nava Ebrahimi, hält ihre Poetikvorlesung mit dem Titel »Vergleiche mit verhärteten Tieren« am Dienstag, den 03.12.2024 um 19 ...
Schreibweisen.
Stimmen aus der Literatur der Vielen.
»Wie in einem Märchen, durch die Übersetzung hob ich den Bann auf, der
auf dem Wort lag, und befreite mich aus der Geiselhaft. Wir waren nun
beide frei, das Wort und ich.«
»Ich habe mehr Privilegien, als je eine Person in meiner Familie hatte. Und trotzdem bin ich am Arsch. Ich werde von mehr Leuten gehasst, als meine Großmutter es sich vorstellen kann. Am Tag der Bundestagswahl versuche ich ihr mit dieser Behauptung 20 Minuten lang auszureden, eine rechte Partei zu wählen.«
»Ich schaffte es lange nicht, die Scham und die Sprachbarriere zu überwinden und mich jemandem mitzuteilen, weshalb mir lange Zeit nur Literatur als Beweis blieb, dass ich mit dem, was mir widerfahren war, nicht vollkommen alleine auf der Welt war.«
»Ich bin nicht: die Ausgeburt der integrierten Gesellschaft. Ich bin nicht: das Mädchen, das ihr euch angucken könnt, um mitleidig zu erklären, ihr hättet euch mit den Migranten beschäftigt und es sei ja alles so dramatisch, aber auch bewundernswert. Ich bin nicht: das Mädchen aus dem Getto.«
»Seht nur, wie sie marschieren, die Wütenden und Besorgten, die gut Situierten und Zukurzgekommenen, die sich im Besitz der besseren Wahrheit meinen, einem Wir geschuldet, das nicht alle umschließt.«
»Appropriation heißt es, beruhigt sier sich weiter, wenn man nicht mit auf dem Spiel steht. Aber wer schätzt das schon bei sich selbst richtig ein?«
»niemand wird wissen, von welchen rändern wir aus sprechen und dass wir darüber sprechen können, ändert nichts daran.«
»Es ist die Perspektive des und und und. Des: dazu.
Nicht ein- oder aus-. Nicht wir und ihr. Nicht entweder
oder.
Vielleicht ist das die neue Perspektive, die gelten
sollte: Lesen aus mindestens zwei Richtungen.«
»Je öfter sie mich nach zu Hause fragen und damit andere Länder meinen, nicht Deutschland, desto gewählter lasse ich meine Sätze klingen. Es dauert Jahre, bis ich in kurzen Sätzen denken kann, die kein an die richtige Stelle gesetztes Verb brauchen: Ihr Rassisten.«